Bologna

Der folgende Link führt zu Ausschnitten aus Briefen und Mails. Die Namen sind natürlich anonymisiert. Das Florilegium ist voller Lächerlichkeiten, aber es ist nicht eigentlich witzig. Denn es geht immer zu Lasten der Studierenden, und die können darüber nicht lachen. Die Dozierenden auch nicht – sie müssen indes keine Prüfungen mehr bestehen.

Ich kenne in dem von mir übersehenen Bereich – Philosophische Fakultät / Geschichte – KEINEN einzigen mit „Bologna“ zufriedenen Studierenden. Und mit vielleicht zwei, drei Ausnahmen auch keinen dozierenden Bologna-Befürworter. Gibt es wissenschaftliche Untersuchungen über das Phänomen, dass in einer Demokratie immer mehr durchgesetzt und beibehalten werden kann, was eigentlich keiner will? Rechtschreibreform, Turbo-Abi, „Bologna“ …

Dass die Reformen nach der ältesten europäischen Universität benannt sind, mag aus Zynismus oder historischer Unbildung rühren.

Der 2011 verstorbene Friedrich Kittler, dem die Kulturwissenschaft so viel verdankt, sah es als Symptom der Geschichtsvergessenheit an, dass ihm an der HU Berlin niemand von der Verwaltung hätte sagen  können, wo genau der Hegel-Hörsaal gewesen sei.

Verwaltung und Bürokratie haben eben andere Sorgen. Zum Beispiel, semantische Um-Etikettierungen vorzunehmen, um sie für die eigene Vorstellungswelt begrifflich passend zu machen und dann  – in einem zweiten Schritt –  die begrifflich passend gemachten Phänomene dieser Vorstellungswelt zu unterwerfen. Das dürfte Friedrich Kittler im Sinn gehabt haben, als er sich am Ende des Sommersemesters 1998 in folgender Weise von den Studierenden verabschiedete: Er wünsche allen schöne Ferien  –  „Ferien (…), die nur Bürokraten zum sedierenden Unbegriff einer ‚vorlesungsfreien Zeit‘ haben verstümmeln können“.

Eine anregende Vorlesung wie die Friedrich Kittlers  –  ob ich sie als heutiger Student  besuchen könnte, hinge weniger von meinem Interesse als von der Studienphase ab sowie davon, wie viele Credit Points („CPs“) durch „regelmäßige Teilnahme“ einzuheimsen sind. Das bedeutet Relationsumkehr: Ich kann eine Lehrveranstaltung, die mich interessiert, nicht besuchen, weil das in den Ordnungen nicht vorgesehen ist und keine Credit Points erbringt; ich muss eine Lehrveranstaltung, die mich nicht interessiert, besuchen,  weil das in den Ordnungen vorgesehen ist und genügend Credit Points erbringt.

Dieser Prozess wird in dem sehr lesenswerten Buch von Mathias Binswanger, „Sinnlose Wettbewerbe“, auf der Ebene der Psychologie als Verdrängung der intrinsischen durch die extrinsische  Motivation beschrieben. Des weiteren widmet sich Binswanger dem verwaltungstechnischen Prozess dieses Um-Switchens  und dessen Akteuren, die ein anderer Autor als „Transformationsfunktionäre“ bezeichnet.

Dieser Autor ist der Philosoph Robert Pfaller. Er sieht als Ergebnis der  Bologna-Reform die Verwandlung der Universitäten Europas in „repressive Obermittelschulen“.  Bologna, so weiter, zerstöre so gut wie alles, was die Qualität eines Studiums ausmache. U. a.:

  • die Möglichkeit, von Anfang an nicht nur so genannte “basics“ zu erlernen
  • die Freiheit, eigene Interessen auszubilden und zu verfolgen
  • die Verbindung von Forschung und Lehre

Verantwortlich, so Pfaller, sei der Typus des Transformationsfunktionärs, der eine angestrebte akademische Qualifikation und Position nicht erreicht hätte und mit einem Posten in der Verwaltung vorlieb nehmen musste. Ob dem so ist oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen.  Ein Blick in die Zeitschrift „wissenschaftsmanagement“  – sagen wir: Heft 4, Juli/August 2012 –  erweist, dass Pfallers Bewertung nicht einfach vom Tisch gewischt werden kann.

Die Folgen des Um-Switchens von „intrinsisch“  auf „extrinsisch“, der Vermittelschulung, des Credit Point-Allotrias, des Prüfungsterrors sowie des mulmigen Gefühls, sich schwer verständlichen Vorschriften unterwerfen zu müssen, die über Wohl und Wehe entscheiden, sie sind am Verhaltensstil der Studierenden leicht zu erkennen:

  • Wortreiche Entschuldigungen dafür, dass man in der nächsten Sitzung wohl eine halbe Stunde eher gehen müsse;
  • erwachsene junge Frauen entschuldigen ihr Fehlen in der letzten Sitzung mit einem dringenden Arzttermin UND wollen die Bescheinigung des Gynäkologen vorlegen;
  • erwachsene junge Männer, die fünf Minuten zu spät in die Veranstaltung gekommen waren, erklären nach der Sitzung mit zerknirscht niedergeschlagenem Blick, dass die Straßenbahn Verspätung hatte.

An einem Montag sollte eine Hausarbeit vorgelegt werden. Mitte der Woche fragt der Student an, ob es möglich wäre, die Arbeit am Freitag einzureichen, „schlimmstenfalls am Sonntag“ … Was hat man aus den Studenten gemacht?

An der Universität Bologna konnten auch Studierende Rektoren werden. Geschadet hat es der Universität nicht – das Mindeste zu sagen.

Bologna. Ein Florilegium

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Mathias Binswanger, Sinnlose Wettbewerbe. Warum wir immer mehr Unsinn produzieren, Freiburg, Basel, Wien 22012

Friedrich Kittler, Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft, Mnchn. 2000

Robert Pfaller, Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie, Ffm. 2012